
Wie eigenartig. Nun bin ich "Halbwaise".
Meine Mutter ist am 4. Jänner gestorben, sie war 75 Jahre lang hier auf dieser Erde.
Ich bin ein erwachsener Mensch, eine Frau, die selber schon Kinder hat, die beinahe erwachsen sind. Und doch.
Der Gedanke dass dieser Abschied so endgültig ist, treibt mir die Tränen in die Augen.
liebe mama,
wir haben uns nicht immer geliebt. Es war auch nicht immer schön und angenehm miteinander.
Meine Kindheit war geprägt von deiner Krankheit, die damals keiner richtig verstanden hat. Depressionen. Wie oft hörte ich: Mama ist krank, nimm dir nicht alles zu Herzen.
Wie oft hörtest du: Reiss dich doch ein bissl zusammen, lass dich nicht so gehen.
Deine Ankündigung, dich umzubringen, nicht mehr dazusein wenn ich aus der Schule zurück bin.
Ich habe nicht alles verstanden, und auch nicht darüber reden können. Damals, vor über dreissig Jahren, wusste nur ein kleiner Kreis von Fachleuten was Depression bedeutet, und welche Auswirkungen sie auf den Betroffenen und die Angehörigen hat.
Keiner hat deinen Mann in die Therapie miteinbezogen. Niemand hat uns Kindern gesagt, dass du uns trotzdem liebhast, auch wenn du sagst, es wäre dir lieber, ich wäre tot.
Viele Familiendramen sind passiert, deine Meinung war nicht immer willkommen. Kompromisse waren nicht möglich. Viele Jahre des Schweigens und des AusdemWeggehens waren die Folge.
Bei meiner Scheidung sind wir uns näher gekommen. Hast du mich das erste Mal in unserem Leben um meinen Mut beneidet? Wir konnten uns wir Erwachsene unterhalten. Du hast mir sogar sehr intime Erlebnisse aus deinem Leben erzählt. Wir waren erstmalig Mutter und Tochter.
Ich war an deiner Seite, als der Arzt die Diagnose Alzheimer stellte. Sehr oft war ich mit dir im Krankenhaus, als dich die Depression und Alzheimer überrollt hat, und du nicht mehr vorwärts blicken wolltest.
Durch deine Krankheit sind wir uns sehr nahe gekommen. Obwohl du kaum noch sprechen konntest, hast du mir ein "Freunde" zugehaucht. Mein Versprechen, dich nicht alleine zu lassen konnte ich leider nicht immer einhalten.
Deine Krankheit wurde auch meine Krankheit.
Die Depression hat mich geholt.
Ich kann dich jetzt so gut verstehen, wie es dir ergangen ist. Ich bin dir jetzt so nahe, wie noch nie in unserem gemeinsamen Leben.
Der Tod hat dich befreit.
Mach´s gut, Mama.